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Zu den historischen Wurzeln des Nordirlandkonfliktes
Lehrstuhl für Kulturwissenschaften
20 Jahre Karfreitagsabkommen – Wie ist die Situation Nordirlands heute zu beurteilen und was wird die Zukunft bringen? Ein Rückblick in die Geschichte Nordirlands und eine Analyse des Konfliktes.

Angesichts des 20-jährigen Bestehens des Karfreitagsabkommens lud der Lehrstuhl für Kulturwissenschaften, vertreten durch Frau Dr. Ursula Mindler-Steiner, zu einem Vortrag über die geschichtliche Entwicklung und die Hintergründe des Nordirlandkonflikts sowie die aktuelle Situation ein. Den Vortrag hielt die an der Karl-Franzens-Universität Graz tätige Historikerin Dr. Andrea Penz; durch den Abend moderierte die ebenfalls auf Nordirland spezialisierte Politikwissenschaftlerin Dr. Christina Griessler (netpol/AUB).

Das Thema ist insbesondere deswegen von Relevanz, da es einen tagespolitischen Anlass bietet: Besonders durch den Brexit rückt die Rolle Nordirlands wieder in den Vordergrund aktueller Geschehnisse und stellt einen Knackpunkt der Verhandlungen des Austritts Großbritanniens aus der EU dar. Der Ausgang des Brexits beeinflusst die Zukunft Nordirlands, und die relativ stabile Friedensphase, die durch das Karfreitagsabkommen begünstigt wurde, könnte möglicherweise gestört werden.

Während ihres Vortrages kehrte Frau Dr. Penz mit ihren ZuhörerInnen zu den Wurzeln des Nordirlandkonflikts zurück und stellte anschaulich den geschichtlichen Rahmen dar, erläuterte das Verhältnis zwischen Irland und England und zeigte auf, wo die Spuren des Konflikts noch heute zu sehen sind. Obwohl die meisten Vorträge zu diesem Thema normalerweise im 20. Jahrhundert ansetzen,  begann Dr. Penz ihre Geschichte in der Zeit des Mittelalters, denn ihrer Meinung nach müsse man sehr weit zurückgehen, um den Konflikt begreifen zu können.

Sie begann im 12. Jahrhundert, als Papst Hadrian IV. – der bislang einzige Papst englischer Herkunft – den englischen König Heinrich II. mit der Eroberung und Katholisierung Irlands beauftragte, womit eine direkte Kontrolle über irische Kirchenangelegenheiten und damit die irische Politik erlangt werden sollte. Die Referentin diskutierte in Folge verschiedene wichtige Dokumente und Abkommen bis hin zu den „Penal Laws“, den Strafgesetzen des 17. Jahrhunderts, die sich gegen die nicht-protestantische Bevölkerungsgruppe richteten.

Dr. Penz hielt fest, dass der Nordirlandkonflikt heute weniger einen religiösen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten darstelle, als vielmehr einen ethnopolitischen, der einen weitgreifenden geschichtlichen Hintergrund hat. Zwar ist er einer der am intensivsten erforschten Konflikte, aber seine Aufarbeitung ist so gut wie kaum fortgeschritten. Obwohl sein offizielles Ende durch das Karfreitagsabkommen nun seit 20 Jahren besteht, leben Katholiken und Protestanten bis heute getrennt. Der Frieden ist nur weitestgehend erreicht, denn noch immer werden Bomben gelegt oder Demonstrationen abgehalten. Die sogenannten Friedensmauern, die beide Gesellschaften räumlich voneinander trennen, möchte die Regierung abreißen lassen, die BewohnerInnen wollen sie aber erhalten. Dr. Penz sagte, es gelte zu verdeutlichen, dass sie in derselben Gesellschaft nicht getrennt leben müssen, dass es aber sehr schwierig sei, dies zu erreichen.

Ein weiteres tiefgreifendes Problem seien die Nachwirkungen des Bloody Sunday vom 30. Januar 1972, bei dem irische Katholiken bei einer Demonstration von britischen Fallschirmjägern erschossen wurden, was zu einer Eskalation des Nordirlandkonflikts führte. Das Problem sei, dass das Karfreitagsabkommen keine Gerechtigkeit für die Opfer gebracht habe, denn viele Morde seien bis heute ungeklärt und die Mörder liefen noch immer frei herum. Dr. Penz zitierte dabei die Politologin und Soziologin Katy Hayward: «Zynisch gesagt, wartet man einfach darauf, dass die betroffene Generation wegstirbt.» Der Bloody Sunday wird als Wendepunkt der irischen Geschichte bezeichnet und vertiefte die Gräben in der Gesellschaft. Eine Entschuldigung ließ lange auf sich warten. David Cameron entschuldigt sich erst im Jahre 2010 für die tödlichen Schüsse.

Dr. Penz schloss ihren Vortrag mit einer Einschätzung der aktuellen Situation. Seit den Brexit- Verhandlungen haben die Union Checks wieder zugenommen und es komme wieder zu Angriffen auf Polizisten. Die Nordiren haben sich deutlich für ein Bleiben in der EU geäußert. Was die Zukunft bringt, sei jedoch schwer zu sagen. Die protestantischen Anteile der Gesellschaft könnten bis 2023 sinken, einfach auch aus dem Grund, weil katholische Familien kinderreicher sind. Zudem könnte es zu weiteren Krawallen kommen, wenn durch den Brexit wieder physische Grenzen zwischen Irland und England errichtet würden. Es stelle sich die Frage, wie man den Brexit durchführen wolle, ohne etwas an der Grenze zu installieren. Zwar werde stets davon gesprochen, dass es keine hard border geben solle, aber niemand wisse, wie dies umzusetzen sei. Dr. Penz meinte, es gäbe Stimmen, dass es dann wieder Attacken auf diese Grenzen geben würde, was das Karfreitagsabkommen in Frage stellen würde. Wenn also die ausgewogene Machtbalance gestört werde, könne ein Konflikt nicht ausgeschlossen werden.

Bericht von Marlene Sophie LIESKE

2018-12 Januar 2019 2019-2
 
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