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Unser Universitätsgebäude wird bald 160 Jahre alt
Über die bewegte Geschichte eines repräsentativen Magnaten-Palais mit seinen alten und neuen Funktionen.

Für die Andrássy Universität jähren sich die ersten 20 Jahre seit ihrer Gründung; sie schreibt damit schon ihre eigene Geschichte. Unser Gebäude aber, das Palais Festetics, hat ein wesentlich längeres und historisch bewegtes Leben hinter sich. Es ist bei Kenntnis der ungarischen und Budapester Geschichte des 20. Jahrhunderts eigentlich ein Wunder, dass dieses fast 160 Jahre alte aristokratische Palais in einem so guten Zustand, ohne größeren Umbau und auch mit vielen originalen Details immer noch existiert. Mit kleineren Schäden überlebte es die zwei Weltkriege und die Revolution von 1956 inmitten aller Geschehnisse. Nach der Wende wurde zwar von Immobilien-spekulanten ein Abriss ins Auge gefasst, der vermieden werden konnte; auch wurde aus dem Haus kein Palais-Hotel oder exklusiver Sitz einer Bank, wie ein Journalist von Népszabadság Anfang des neuen Jahrtausends über die möglichen Funktionen des Gebäudes spekulierte, nachdem die selbst in ruinösem Zustand wunderschöne Fassade seit der Wende während mehr als 20 Jahren mit einem dichten Baugerüst vor dem Fussgängerblick verborgen blieb.

2001 hatten dann die Gründer der AUB Pläne für größere Umbauten. In den Hof hätte ein unterirdisches Auditorium hinabgesenkt werden sollen, und für die ein wenig größenwahnsinnigen Vorstellungen über die zukünftigen Funktionen der Universität war auch ein Fernsehstudio mit VIP Wartesaal und ein Restaurant geplant. Schließlich, nach dem ungarischen Regierungs-wechsel 2002, wurde wegen Zeit- und Geldmangel nicht einmal mehr ein Studentenheim erbaut; auch der Vollausbau des Kellers wurde gestrichen. So konnte aber die fast ursprüngliche Form des Palais mit dem Hof (ohne die ehemalige Kapelle im hinteren Trakt) durch Abbau des Bibliotheklagers aus den 1950er Jahren und durch Wiederöffnung des Eingangstores von der Bródy Sándor Strasse wieder hergestellt werden.

Wie aber begann die Geschichte des Palais vor fast 160 Jahren?

Der erste Landtag nach der Revolution wurde 1861 in Pest-Buda abgehalten. Bis 1848 war Pressburg/Bratislava der Sitz des Ungarischen Landtages, trotz mehrmaligen Versuchen der Reformpolitiker unter Leitung von Graf Stephan Széchenyi (1791–1860), den politischen und kulturellen Sitz des modernen Ungarischen Königreichs ab den 1830er Jahren nach Pest-Buda zu bringen. In Pest erwies sich, nach der durch die Revolution 1848 unterbrochenen Entwicklung, 1861 ausschließlich das Gebäude des Nationalmuseums aus dem Reformzeitalter für einen Landtag geeignet. So kam es, dass das Magnatenhaus im Museum tagte und als Abgeordnetenhaus nebenan ein eigenes Gebäude (der heutige Sitz des Italienischen Kulturinstitutes) erbaut wurde. Es zeichnete sich das Zustandekommen eines politischen und kulturellen Zentrums auf dem teils noch unbebauten vorurbanen Gebiet mit Obst- und Gemüsegärten am Rande der ehemaligen Pester Stadtmauer ab. (Auch das Nationaltheater stand ab 1837 gegenüber dem heutigen Hotel Astoria, trotz dem ursprünglichen Vorschlag von Stephan Széchenyi auf Errichtung eines Nationaltheaters an der Donau.)

Die ersten Gebäude hinter dem Nationalmuseum, geplant vom renommierten Architekt Miklós Ybl 1863 Quelle: Az Ország Tükre, 01.12.1863, II. Jg. Nr. 34., S.402-403. Signatur: OSZK FM3/801

Nachdem er sich beim Zusammenbruch der Revolution fast 10 Jahre vom öffentlichen Engagement zurückgezogen hatte, kehrte Graf György Festetics (1815–1883) als Vertreter einer der bedeutendsten Magnatenfamilien des ungarischen Königreichs auf die politische Tribüne zurück und ließ 1858 vorerst in der Kaiserstadt Wien in der Berggasse ein Familienpalais errichten. Er nahm dann 1861 auch am Pester Landtag teil. Er soll damals gesagt haben: „Ein ungarischer Magnat darf keinen Palast in Wien haben, ohne auch einen in Pest zu besitzen“. So kaufte er am 19. Februar 1862 gleich zwei Grundstücke mit Lehmbauten an der Ecke der damaligen Erzherzog Sándor und Ötpacsirta Strasse; die Bauarbeiten begannen ab Juni. Mit der Palais-Planung beauftragte er den damals meist-beschäftigten Architekt Miklós Ybl (1814–1891), Schüler des Architekten des Nationalmuseums Mihály Pollack. Ybls Schaffen wurde letztlich für die ganze Umgebung prägend: Unter anderem sind von Ybl entworfen die an die Festetics-Grundstücke anschließenden ersten Großgebäude hinter dem Museum, der Turnsaal und die Nationale Reithalle (1858), weiter das zweite Magnatenpalais der Gegend von Graf Lajos Károlyi (1867) an der Ecke des heutigen Pollack Mihály Platzes, das Eckpalais Degenfeld-Schomburg (1874), Wohn- und Sterbeort des bis heute am längsten amtierenden ungarischen Ministerpräsidenten Graf Kálmán Tisza (1830–1902) links vom Palais Festetics sowie das parallel zum Museum erbaute Abgeordnetenhaus (1865). Ybls Bedeutung für das Budapester Stadtbild zeigt sich auch mit seinem Meisterwerk, dem Opernhaus (1884). Aufgrund der Neubauten von Ybl hinter dem Nationalmuseum formulierte der Journalist des Az Ország Tükre (Der Spiegel des Landes – eine Bildzeitung von ‚Budapest‘) im Dezember 1863 die Vision, das Viertel werde in 100 Jahren eines der vornehmsten Stadtviertel sein, ähnlich dem Faubourg Saint-Germain in Paris. Der Bau des Palais Festetics löste also einen ‚Bauwahn‘ der Magnaten und später der Großindustriellen aus, und die Gegend wurde im Volksmund das Magnatenviertel genannt.

Waren die Kaiserin-Königin Elisabeth alias Sissi und der Graf Gyula Andrássy im Festetics Palais zu Gast?

Das Palais war anfangs als ein repräsentativer Ort für das Wirken seines Bauherrn Graf Festetics gedacht, für wichtige politische und diplomatische Hintergrund- und Vermittlungsgespräche im Prozess des österreichisch-ungarischen Ausgleichs. So stellt sich die Frage, ob Sissi als Frau im Hinter-grund und Graf Gyula Andrássy als zentraler ungarischer Politiker des Ausgleichs, ab 1867 ungarischer Ministerpräsident, an einem der exklusiven kleineren oder größeren Anlässe die Gastfreundschaft der Hausherren Festetics genossen haben.

Die Bauintentionen des Grafen György Festetics waren mehrschichtig. Mit der Errichtung eines stilvoll luxuriösen Stadtpalais wollte er nicht nur sein aristokratisch-familiäres und persönlich-politisches Repräsentationsprestige befriedigen, sondern auch das Prestige des neuen, selbständigen ungarischen politischen Handelns in Pest fördern, bzw. längerfristig eine gleichrangige Partnerschaft neben Wien entwickeln. Seine Palaisbauten in den beiden Residenzstädten symbolisierten auch seine bei den Ausgleichsverhandlungen aktive Vermittlungsposition bei der Ausbalancierung der Interessen der ungarischen und österreichischen Verhandlungspartner. Graf György Festetics konnte seine feste Loyalität zu Kaiser und König mit seiner Treue zur ungarischen Nation auf ganz natürliche Art in Einklang bringen und dem Vertrauen von beiden Seiten entsprechen. An das feierliche Abendessen im Wiener Palais des Grafen erinnerte sich ein Mitglied der ungarischen Verhandlungsdelegation des politischen Kompromisses 1867: „Unser Minister Graf Festetich gab das beste Dinner in seinem wunderschönen Palais, einem Grand Seigneur würdig“.

Fassade um 1870. Links ein für das ursprüngliche Obst- und Gemüsegebiet charakteristischer Lehmbau am Platz des zukünftigen Degenfeld-Schomburg Palais (Ötpacsirta utca 17./Eszterhazy utca 26./Pollack Mihály tér 3.); Quelle: Fővárosi Szabó Ervin Könyvtár, Budapest Gyűjtemény; Signatur: 080106

György Festetics als Enkel des bedeutenden gleichnamigen Großvaters, des berühmten Agrarreformers und Gründers des Georgikons (der ersten landwirtschaftlichen Hochschule Europas in Keszthely), bekam als Fort-setzung seiner Vermittlerrolle beim Ausgleich eine Vertrauensposition in der ersten ungarischen Regierung von Gyula Andrássy (1823–1890) und war als Minister am Königlichen Hoflager tätig (1867–1871). Er residierte meistens in Wien und sicherte den ständigen Kontakt zwischen dem Wiener Hof und den Ministerien in Ungarn. Diese Aufgaben erfüllte er auch bei den Besuchen der gemeinsamen Delegationen in Pest-Buda. Seine Position machte auch die verschiedensten repräsentativen Anlässe nötig, sowohl in Wien als auch in Pest-Buda.

1867 kaufte der Graf schließlich auch noch zu seinem im Baustil der italienischen (Neo-)Renaissance errichteten stilvollen Palais von der benachbarten Turnhalle eine gleich große Gartenanlage. Dadurch konnte er sicher sein, dass kein direkter Anbau die prunkvolle Erscheinung seiner Pester Residenz gefährdete, auch konnte er einen repräsentativen Garten einrichten, dessen schöner originaler Zaun als ein Kuriosum auch noch heute existiert und hoffentlich auch die bevorstehende Umgestaltung der ehemaligen Radio-gebäude überleben wird.

Das Palais hat somit eine große Symbolik. Es repräsentiert selbstsicher bis heute die einstige Stellung der Familie Festetics und ihrer Gäste. Das Festetics-Wappen mit den Symbolen der einstigen zum Adel führenden Militär-erfolge (über einer Krone stehen sich zwei Löwen mit gezogenem Schwert gegenüber, unter anderem die Stärke, den Kampfwillen und die Vornehmheit symbolisierend, während oben ein Kranich einen Stein mit dem rechten Fuss festhält, Symbol der Wachsamkeit und des Grenzschutzes) ist bis heute erhalten, sowohl außen am Garten- und Eingangstor als auch innen z.B. im Marmorsaal (Empfangsraum), auf dem original erhaltenen imposanten Spiegel und bis zu den kleinen Deckeln der Schlüssellöcher in den Prunkräumlichkeiten. Die Löwen tauchen auch imposant an Kettenstreben als Hüter vor dem Haus auf.

Das Gebäude hatte drei Funktionen auszufüllen: die der hochrangigen Repräsentation, des Privatlebens und der unterstützenden Servicedienste. Die repräsentativen Innenräumlichkeiten, das ganze Interieur mit Treppenhaus, Marmor-Empfangssaal, kleinem und großem Salon, Speisesaal und Spiegelsaal/Tanzsaal wurden entsprechend dem Wiener Palais auf Wunsch des Bauherrn und der Gräfin Eugénie Erdődy (1826–1894) im Stil des Barocks und Rokokos ausgestaltet.

Am 19. April 1868 fand im Palais Festetics eine bedeutende, den Wiener Anlässen entsprechende Soiree mit Teilnahme von Mitgliedern der Wiener und Pester Regierungen, Diplomaten und weiteren Hochadligen statt. Auch der Hof hielt sich in dieser Zeit in Buda auf. Die Königin Sissi brachte ihr letztes Kind, die Erzherzogin Marie Valerie, als Dank und Geste für die Ungaren und den Ausgleich am 22. April 1868 in Buda auf die Welt; die Herrscherfamilie konnte deshalb an der Abendveranstaltung bei Festetics nicht erscheinen. Der Ministerpräsident Graf Andrássy war aber mit Familie in der illustren Gesellschaft anwesend.

Der Spiegelsaal um 1890. Aufnahme von György Klösz. Quelle: Judit G. Lászay, 2014, S. 78. original: MNL OL P 240. 1. d.

Die Zeitungen sprachen unter-schiedlich von einer Teilnehmerzahl zwischen 100 bis 300 Personen. Es wurden wahrscheinlich um die 150 Gäste vom Ehepaar Festetics im mit Tropenpflanzen dekorierten Treppenhaus oder oben im Marmorsaal empfangen. Der Abend begann um 22 Uhr im großen Salon mit einem französischen Lustspiel und einem Vaudeville, dargebracht von ausgewählten Gästen (unter anderem französischen Diplomaten und hochadeligen Damen), was als Auftakt Konversation und angenehmes Beisammensein unterstützte. Hinter der Bühne im kleinen (Damen) Salon rechts (heute Rektorenzimmer) konnten sich die SchauspielerInnen umziehen. Dann gingen die Gäste links in den Speisesaal, wo ein vornehmes Abendessen folgte, das aus dem Serviceraum nebenan serviert wurde. Die Küche war im Keller eingerichtet. Die Gerichte konnten über die Servicetreppe direkt in den Serviceraum hochgebracht werden. Zum Abschluss des Abends folgte wie üblich der Tanzanlass im Spiegelsaal nebenan; der Csárdás wurde von der damals bekanntesten Pester Zigeunerkapelle begleitet. Um 1 Uhr verabschiedeten sich die Gäste von den Gastgebern im Marmorsaal und stiegen nacheinander durch das Treppenhaus hinunter zu ihren Kutschen in der Halle zum Eingangstor. Die Struktur der Räumlichkeiten passte hervorragend zur zeitgenössischen Choreografie aristokratischer Anlässe und ermöglichte auch eine reibungslose Abwicklung.

Am nächsten Tag, dem 20. April 1868, einem Montag, wurden die Grundlagen des gemeinsamen Heereswesens der Monarchie verhandelt und dargelegt. Die Soiree hatte also vor den offiziellen Verhandlungen und Entscheidungen bei der prachtvollen Geselligkeit auch das formlose und informelle Gespräch der österreichischen und ungarischen Meinungsträger ermöglicht. Nicht zuletzt trug der Abend wahrscheinlich auch sehr erfolgreich zum Abbau der negativen Stereotypen der österreichischen Eliten über die ‚wilden‘ Ungarn bei.

1871, am Ende der Andrássy-Regierungsperiode, dankte auch Festetics vom Ministeramt ab. Er wurde aber fortan zum Verwalter des Privatvermögens der Kaiserin Elisabeth ernannt, eine weitere Vertrauensposition am Hof. Daneben diente er als Kronhüter, als geheimer Kämmerer und kurz auch als Oberhofmeister. Bei der Abdankung der Andrássy-Regierung würdigte Andrássy die Tätigkeit von György Festetics in einem Privatbrief: „vier und ein halbes Jahr wirkten wir zusammen […] ich lernte dich täglich immer mehr zu schätzen […] Heute wo wir uns trennen – glücklicherweise nicht als Freunde, nur als Ministerkollegen – wollte ich dir schreiben, und wenn ich mich auch nur heute für deine ehrliche freundliche Unterstützung bedanke, so kann und werde ich sie aber jederzeit hoch in Ehren halten.“
Die Stellung der Familie Festetics stieg 1880 durch die in aristokratischen Kreisen unübliche Liebesheirat des ältesten Sohnes Tasziló (1850–1933) mit Lady Mary Victoria Douglas Hamilton (1850–1922) weiter an. (Die Tochter des schottischen Hochadeligen William Duke of Hamilton war mütterlicherseits die Enkelin des Großherzogs von Baden und dessen Frau Stéphanie de Beauharnais, Adoptivtochter von Napoleon Bonaparte). Lady Mary war in erster Ehe mit dem Erbprinzen Albert I. von Monaco verheiratet worden und Mutter des später regierenden Prinzen Louis II. von Monaco, Ur-Urgrossmutter von Albert II. von Monaco). Ihre Heirat von 1869 wurde erst nach zehn Jahren vom Heiligen Stuhl annulliert; ihren zehnjährigen Sohn musste sie als Erbprinz nach Monaco zurückgeben.

Die Zeitungen berichteten rege über die illustre Trauung in der Hauskapelle des Pester Palais Festetics am 3. Juni 1880. Tasziló Festetics amtierte ab 1883 auch als Familienoberhaupt und wurde 1911 von Kaiser Franz Joseph in den erblichen ungarischen Fürstenstand erhoben. Das Ehepaar war durch familiäre Verbindungen der Lady unter anderem auch mit dem englischen Herrscherhaus eng befreundet; deren Mitglieder kamen auch öfter zu Besuch nach Ungarn. Durch ihre Anwesenheit wurde das Renommee der Feierlichkeiten in der Familie Festetics weiter erhöht, ihr Stadtpalais wurde mehr und mehr auch von Mitgliedern des Hauses Habsburg besucht.

Zwar folgte Graf Tasziló seinem Vater in späteren Jahren in manchen Hofämtern, er wurde geheimer Kämmerer und Oberhofmeister, engagierte sich politisch aber nicht mehr, auch verkaufte er das Wiener Palais in den 1890er Jahren. Seine Leidenschaften waren die Jagd und die Pferderennen. Er betrieb einen eigenen erfolgreichen Rennpferdestall und hielt sich, der aristokratischen Lebensführung entsprechend, in der Winter- und Frühlingssaison während der Pferderennen bzw. beim Besuch des Hofes in Pest auf. Entsprechend hielt er jährlich im Mai Rennbälle und Mittagessen ab, welche zum Treffpunkt der österreich-ungarischen politischen und aristokratischen Eliten wurden. In den 1880er Jahren hatte er seine Residenz modernisieren lassen, er brauchte für seine vier Kinder weitere Räumlichkeiten.

Während die zeitgenössische Presse über die Veranstaltungen von Georg Festetics noch relativ wenig berichtete, kann durch die Berichterstattung über die auch für Journalisten geöffneten illustren Feierlichkeiten des Sohnes Tasziló das Gesellschaftsleben im Palais recht gut rekonstruiert werden. Als eines der wichtigsten Ereignisse galt die große Soiree im Palais Festetics am 4. Mai 1896, wo selbst Kaiser Franz Joseph anwesend war. Aus Anlass der Tausendjahrfeier der Landnahme der Ungarn am 2. Mai eröffnete das Herrscherpaar persönlich die großen Feierlichkeiten und die Milleniumausstellung im Stadtwäldchen in Budapest. Zwar war die Kaiserin Sissi am Abend des 4. Mai schon abgereist, andere Familienmitglieder des Herrscherhauses sowie gemeinsame Minister der Monarchie hielten sich aber noch in der ungarischen Hauptstadt auf und waren in Begleitung von Franz Joseph bei der Soiree anwesend. Der Ablauf des Abends war der Soiree vom April 1868 ähnlich, nur der Auftakt folgte der aktuellen Mode; es wurden von den Gästen historische lebendige Bilder verkörpert. Die Polizei hatte die Anreise des Königs mit großen Kräften gesichert, der Herrscher brauchte von der Budaer Burg nur eine Viertelstunde bis zum Palais Festetics auf der Pester Seite. Er kam genau um 22 Uhr an, hielt sich eine kurze Stunde in den Festsälen des Palais auf und reiste schon um 23 Uhr zurück in die Burg.

Welche Spuren hinterlässt das 20. Jahrhundert und die Auflösung des aristokratischen Lebensrahmens?

Mit der Heirat der vier Festeticskinder zog sich auch das gräfliche Ehepaar allmählich von Budapest und von der repräsentativen Lebensführung zurück, eine Ausnahme waren die Feierlichkeiten der Erhebung in den Fürstenstand 1911. Der Erste Weltkrieg brachte auch für das Palais Festetics eine neue Ära, der aristokratische Glanz war mit dem Zusammenbruch der Monarchie vorbei. Die kurze Räterepublik eignete sich das Gebäude an, der Stall (heute die Bibliothek der Universität) wurde als Lager der im Nationalmuseum angesiedelten Széchenyi-Landesbibliothek verwendet. (Die Nachbarpaläste erlebten schlimmere Zeiten und wurden als Wohnstätten für Arbeiterfamilien stark beschädigt). Im Mai 1922 fand das Leben von Lady Mary ganz unerwartet in Abwesenheit ihres geliebten Mannes im Palais sein trauriges Ende. Der verwitwete Magnat zog sich nach Keszthely zurück, wo er 1933 verstarb.

Die Familie kann sich auch in der Zwischenkriegszeit finanziell nicht mehr erholen; schließlich wird das Palais 1939 dem Staat verkauft. Bis 1941 dient es wieder als Ablageort der immer größer werdenden Landesbibliothek. Ab 1941 kommt auch das frisch gegründete Teleki Pál Wissenschaftliche Institut ins Gebäude. Im Spiegelsaal werden renommierte Konzerte mit Teilnahme der damaligen Eliten – wie zB. István Horthy jr. – abgehalten.

Exklusives Konzert der Franz Liszt Gesellschaft im Palais Fürst Festetics 1941, Spiegelsaal, im Publikum Miklós Horthy der jüngere. Quelle: Fővárosi Szabó Ervin Könyvtár, Budapest Gyűjtemény; Signatur: 022544

Der spätere Doyen der ungarischen Geschichtsschreibung Domokos Kosáry wird sich mit seinen Kollegen als Angestellte der Historischen Abteilung des Teleki Instituts während der schwersten Kriegsmonate im Keller des Palais aufhalten und Tag und Nacht arbeiten. Wie sich Kosárys Tochter Judit erinnert, mussten die Historiker bei der Bombardierung des benachbarten Radiogebäudes mit ihren Feldbetten auf dem Rücken ins Museum hinüberrennen, da auch das Palais beschädigt wurde. Auch die ehemalige Rennpferdeschule bekam schwere Treffer und musste nach 1945 abgerissen werden. In den Nachkriegsjahren besuchte Judit Kosáry noch als Kind mehrmals den Arbeitsplatz ihres Vaters. Sie erinnert sich an die teils immer noch vorhandenen Überreste des einstigen aristokratischen Glanzes und die Umbauten des Interieurs. Ab den 1950er Jahren wird die Landesbibliothek ihre Filiale (das Plakat- und Kleindruckmagazin) im Palais eröffnen. (Der Staat hatte sich schon seit der Zwischenkriegszeit über ein eigenes Gebäude für die sich vergrößernde Nationalbibliothek Gedanken gemacht, ohne Erfolg, und der Platzmangel wurde immer akuter. Die ehemaligen aristokratischen Residenzen in der Umgebung des Museums wurden allmählich in Filialen und Ablagen der Nationalbibliothek Széchényi umgewandelt.)
Das Palais wird im Oktober 1956 auch Augenzeuge der revolutionären Ereignisse beim Radio. Der ehemalige Serviceraum und teils auch der Speisesaal an der linken Ecke der Fassade am heutigen Pollack Mihály tér brennen aus. Letztendlich wird in den 1970er Jahren entschieden, dass die Nationalbibliothek in die Burg transferiert wird. Als letzte ‚Mieterin‘ bis zur Einrichtung der Andrássy Universität wird das Soziologische Institut der Eötvös Loránd Universität seine Lehrtätigkeit dort aufnehmen. Der Spiegelsaal wird als großer Hörsaal, der große Salon geteilt als Professorenzimmer und für Seminarräume weiter verwendet.

1956 – Momentaufnahme vor dem Palais. Quelle: Fortepan/Gyula Nagy

Heute kann nun der Palast der Festetics dank vieler glücklicher Zufälle wieder im alten Glanz leuchten. Er hat eine wesentlich glücklichere Lage als der Wiener ‚Bruder‘, welcher nach dem Verkauf von 1895 mehrmals umgebaut wurde und eben 2021 in den Besitz einer Immobilienfirma gekommen ist.
Seit dem Einzug der Andrássy Universität 2003 werden also alte und neue Funktionen glücklich kombiniert zum Nutzen der Bildung interkulturell und international interessierter europäischer Generationen. In den letzten Jahren wurden auch mehrere Ideen zur Wiederverwendung der leer stehenden Radiogebäude entwickelt. Laut aktuellen Plänen und vor kurzem veröffentlichten Ansichtsbildern soll hier ein modernes Universitätsviertel teils durch den Abbau der jüngsten Radiogebäude (auch im Garten des Palais Festetics) etabliert werden. Wir können nur hoffen, dass durch die Verwirklichung der ambitionierten Pläne – mit der Erhaltung des originalen Festetics-Zauns – das heutige visuelle Chaos beseitigt und das vom Ybl erstellte Profil des Pollack Mihály tér mindestens zum Teil wiederhergestellt werden kann.

Henriett KOVÁCS

LITERATUR:
Zsolt Dubniczky: Főúri reprezentáció a pesti Festetics-palotában. [Aristokratische Repräsentation im Pester Palais Festetics.] In: „Taníts minket úgy szám-lálni napjainkat…“ Tanulmányok a 70 éves Kósa László tiszteletére. Hg.: Iván Bertényi ifj., et al., Budapest, 2012. S. 133–148.

Judit G. Lászai: Egy palota, két tervrajz. Adalékok a Festeticspalota, Budapest VIII . Pollack Mihály tér 10. építéstörténetéhez. [Ein Palais, zwei Entwürfe. Beiträge zur Baugeschichte des Palais Festetics]. In: Művészettörténet-Műemlékvédelem, Détshy Mihály nyolcvanadik születésnapjára tanulmányok. Hg.: István Bardoly / Andrea Haris, Budapest 2002, S. 585–600.

Judit G. Lászay: Egy Ybl-palota új élete. A Pollack Mihály téri Festetics-palota he-lyreállítása. [Das Leben eines Ybl-Palais. Die Rekonstruktion des Festetics Palais] In: Ybl-épületsorsok az Ungerháztól a Kálvin térig. Hg.: Violetta Hidvégi / Katalin Marótzy, Budapest, 2014. S. 75–87.

Zsolt Dubniczky: Lion, sparrowhawk, cra-ne – Ancient symbols from coats of arms tell the story of the past of noble families in the Magnates' Quarter (letzter Zugriff 27.12.2021)

siehe auch die früheren Artikel von Dieter A. Binder und von Orsolya Lénárt in den Andrássy Nachrichten 2019/1, S.20–23.

Um 2000 vom Baugerüst abgedeckt. Quelle: https://jozsefvaros.hu/hir/76983/a-festetics-palota-torteneteelfogult- es-szubjektiv-szemmel, Fotograf unbekannt

 

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