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Sofort war gerade noch gleich
Zentrum für Demokratieforschung
Dirk Metz über den „Sofortismus“ der digitalen Welt und dessen Auswirkungen.

Das Zentrum für Demokratieforschung der Andrássy Universität Budapest lud am 14. September 2016 in Kooperation mit der Deutschen Botschaft und unter Moderation des Lehrstuhlleiters für Diplomatie II, Dr. Ulrich Schlie, zu einem Vortrag von Dirk Metz ein. Der Abend stand ganz im Zeichen des digitalen Wandels und dessen Bedeutung für Politik, Medien und Gesellschaft.

Metz, der von 1999 bis 2010 als Staatssekretär der Hessischen Staatskanzlei für deren Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich war, sieht die heutigen Kommunikationsmedien in der Krise. Daran habe auch das Phänomen des „Sofortismus“ schuld. Mit diesem Neologismus beschreibt Metz, der aktuell als Kommunikationsberater namhafter Unternehmen, Verbände und Einzelpersönlichkeiten fungiert, die gestiegene Erwartungshaltung des Journalismus an Politiker, eine sofortige Lösung zu jedem Problem zu präsentieren. Diese solle transparent sein und der breiten Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden. Hier sieht Metz sowohl Chancen als auch Gefahren für Politiker. Es sei ein schmaler Grat zwischen der Zugänglichkeit zu Politikern in Echtzeit über Facebook oder Twitter und der Banalisierung ihrer gesellschaftlichen Aufgabe und Position. Metz ist nicht davon überzeugt, dass die sozialen Medien dem Anspruch einer ernsten politischen Diskussion gerecht werden.

Nicht unerwähnt ließ er die Bedeutung von Kritik in Echtzeit und der Anonymität des Netzes. Der sogenannte „shitstorm“, welcher von aggressiver und anstößiger Sprache geprägt ist, sei nicht repräsentativ, er könne jedoch dramatische Auswirkungen auf die politische Rekrutierung haben.

„Mehr Geschwindigkeit statt Genauigkeit“

In der Medienlandschaft wies Metz auf eine Gentrifizierung der Hauptnachrichtensender hin sowie auf einen europaweiten Rückgang von Zeitungsabonnements aller Art. Das Internet biete heute für jeden die Möglichkeit, Nachrichten für andere zur Verfügung zu stellen, was eine höhere Konkurrenz unter den Journalisten zur Folge habe. Metz stellt fest, dass diese Entwicklung zu einem schnelleren Freigeben der Texte und weniger Überprüfung der Richtigkeit des Inhalts führe. In Zeiten von Livetickern sei der Onlinejournalismus zu einem Wettlauf um die Veröffentlichung von Neuigkeiten geworden.
Gesellschaftlich bringe die Digitalisierung viele Bequemlichkeiten. Onlineshopping könne bei Bedarf sofort erledigt werden und so sprach auch Metz von einem veränderten Kaufverhalten. Dieses zeige in fast allen Bereichen gestiegene Nutzerzahlen der Onlineanbieter. Dabei sieht Metz die ältere Generation immer stärker gezwungen, sich dem digitalen Wandel zu stellen. Dienstleister haben die Herausforderung einer beidseitigen Befriedigung der Bedürfnisse von „digital natives“ und derer, die aus ihren alten Gewohnheiten nicht ausbrechen können oder wollen, zwar erkannt. Dennoch sei es für Großeltern immer schwieriger, ohne Instant-Messaging-Dienste wie beispielsweise WhatsApp mit den Enkeln in Kontakt zu treten.

„Einen gelassenen und eher zurückhaltenden Umgang“ mit den Möglichkeiten der neuen digitalen Welt wünscht Metz nicht nur normalen Nutzern, sondern vor allem Politikern. Er befürwortet Transparenz und eine Beteiligung der Gesellschaft am politischen Prozess über digitale Plattformen, warnt aber davor, dass sich Personen des politischen Lebens in sozialen Medien „wie Filmsternchen verkaufen“. Bei den Chancen, die der digitale Wandel biete, sollten jedoch auch die Grenzen beachtet werden - denn beides liege nahe beieinander. Die mitgestaltende Gesellschaft solle dabei, so Metz, stets fair und respektvoll miteinander umgehen.

Text: Matthias Hügel

Der Artikel erschien auch in der Budapester Zeitung (Nr. 39/2016, S. 32)

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