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Exkursion nach Belgrad im Sommersemester 2017
Exkursionsbericht

In den vergangenen Jahren haben verschiedene Aktivitaten das wache Interesse der Andrássy Universität Budapest an der aktuellen Lage auf dem Westbalkan deutlich gemacht. Erinnert sei u. a. an das Andrássy Forum for Western Balkan Studies, dessen erstes Treffen im WS 2014 stattfand, an den Vortrag des Botschafters der Republik Montenegro im Rahmen der Ringvorlesungen „Praxis Diplomatie” oder an die Exkursion nach Bosnien-Herzegowina im SS 2015.

Während Kooperationen im Bereich der Politikwissenschaften mit Universitäten in Zagreb, Skopje / Tetovo und Sarajewo bereits angebahnt wurden und z. T. schon mit Leben erfüllt sind, gab es bisher zu serbischen Hochschuleinrichtungen noch keine Kontakte. Nun wurde unter der kundigen Leitung von Dr. Ulrich Schlie (Zentrum für Diplomatie an der AUB) ein wichtiger Schritt unternommen, um die akademischen Kontakte zu Universitäten dieses wichtigen regionalen Players zu stärken. Vom 20. bis 23. April 2017 fand eine Exkursion von Studierenden und Doktoranden der AUB nach Belgrad statt - und als Novum in diesem Rahmen ein Oberseminar, gemeinsam mit dem Ph.D.-Seminar der Fakultät für Politikwissenschaft an der Universität Belgrad.

Das Oberseminar nahm den größten Teil des Programms ein. Schon zwei Stunden nach der Ankunft im Hotel traf die Gruppe an der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität Belgrad ein, wo die Studierenden zunächst von Dekan Prof. Dragan Simić in seinen Räumlichkeiten begrüßt wurden; danach ging es sportlich in den Seminarraum der Fakultät, der sich im 5. Stock des Gebäude befindet. Dort eröffneten die Gastgeber, Prof. Slobodan Samardžić und Prof. Radmila Nakarada, das Seminar (siehe Foto).

Die Beiträge zum Seminarthema „The Current Challenges in the Balkans” berührten in einer Tour d’horizon alle Brennpunkte der internationalen Politik auf dem Balkan. Sie verdeutlichten einmal mehr, dass es ein Europa über die EU hinaus gibt, dessen Nachkriegsgesellschaften, Zerfallsprodukte des einmal gemeinsamen Staates Jugoslawien, tiefgreifenden Transitionsprozessen gegenüberstehen. Historisch schon immer ein Feld widerstreitender geopolitischer Interessen, sind die Westbalkanländer den Einflussversuchen globaler und aufsteigender regionaler Player ausgesetzt. Der unter­schiedliche Stand des Beitrittsprozesses zur EU spiegelt die inneren und regionalen Konflikte, aber auch Vorbehal­te, die aus den jüngsten innergemeinschaftlichen Entwicklungen in der EU entstehen.

Besondere Aufmerksamkeit wurde den beiden von Dr. Schlie eingeladenen Experten aus Italien und Deutschland zuteil. Andrea Lorenzo Capussela referierte zum Thema „Kosovo and Macedonia: the way ahead. Problems and per‎spectives”. Markus Heipertz, im Bundesfinanzministerium Berlin aktuell mit dem Brexit beschäftigt, kommentierte aus seinem Insider-Blick die Perspektiven und Erwartungen der West­balkanländer, wie sie im Lichte des Beitrittsprozesses und der aktuellen Entwicklungen in der EU mit der angestrebten EU-Mitgliedschaft verbunden sind

Die Seminarsprache war Englisch; die serbischen Partner setzten mit ihren sehr offenen Beiträgen die Akzente, die Teilnehmer aus Budapest, darunter ungarische, ukrainische, bosnische und deutsche Re­ferenten, antworteten mit ihren Kommentaren. Deutlich wurde, dass in Serbien die Sympathien für einen Beitritt zur EU stärker sind als für eine völlige Integration in die NATO – die Bombardements durch die amerikanischen Luftstreitkräfte im Jahre 1999 haben tiefe Wunden gerissen, und auch die Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos durch eine Reihe von EU-Staaten, darunter Deutschland und Österreich, die bereits 2008 Botschaften in Pristina eröffneten, bilden eine mentale Barriere für eine Annäherung an den Westen.

Weitere Angebote im Rahmen der Exkursion – ein kurzes Briefing durch den Gesandten der Deutschen Botschaft in Belgrad und eine Begegnung mit den Mitarbeitern der Konrad-Adenauer-Stiftung – warfen interessante Schlaglichter auf die aktuelle politische Situation in Serbien unmittelbar nach den Präsi­dentschaftswahlen.

Auch die Freizeit kam nicht zu kurz – ein Referat aus dem Teilnehmerkreis über die lebendige kulturelle Szene Belgrads bestätigte die Eindrücke, die viele schon bei der Erkundigung des quirligen Nachtlebens hatten sammeln können. Am letzten Tag führte das Programm zunächst in die Außenbezirke von Belgrad. Ein kurzer Besuch im Museum am Tito-Mausoleum bestätigte die Ausführungen zur Jugoslawien-Nostalgie im Seminar, danach stand die Besichtigung der Residenz der Königsfamilie Karadjordjevic auf dem Programm. Weiter ging es mit dem Bus nach Oplenac, wo eine Führung durch das Mausoleum der Dynastie anstand. In dem kleinen Museum war u. a. das Telegramm mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien vom 29. Juli 1914 zu bestaunen.

Das Fazit: Schlie, der das gemeinsame Oberseminar mit den KollegInnen der Universität Belgrad angebahnt hatte, dämpfte im Vorfeld die Erwartungen mit dem Hinweis auf den Versuchscharakter. Die Erwartungen wurden aber übertroffen. Die serbischen Partner hoben in der Abschlussbesprechung hervor, wie inspirierend sie die Begegnung empfanden: „Wir hoffen den Dialog fortsetzen zu können, vielleicht auch mit neuen Fragen.” Schlie betonte in seinem Schlusswort, man fahre bereichert und mit vielen Fragen, den EU-Beitrittsprozess betreffend, nach Hause. Er richtete aber den Blick nach vorn – mit einem Lob des langen Atems: Auch die Westintegration der Bundesrepublik Deutschland habe von der Verkündung des Grundgesetzes bis zur Aufnahme in die NATO sechs Jahre gedauert; die volle Souveränität sei aber erst mit dem Ende des Ost-West-Konflikts erreicht worden. Insgesamt, so der Tenor unter den Teilnehmern, waren die Reaktionen an der Universität  ermutigend, das „Experiment” ist gelungen. Eine Fortsetzung im nächsten Jahr könnte einen weiteren Schritt zu einer dauerhaften Partnerschaften der beiden Universitäten bedeuten.

Text: Karl Dieter Uesseler

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