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8. Internationale Doktorandentagung
Doktoratskolleg für Mitteleuropäische Geschichte
Bereits zum achten Mal waren zahlreiche DoktorandInnen aus ganz Europa dazu eingeladen, sich im Rahmen der internationalen Doktorandentagung der AUB über ihre wissenschaftliche Arbeit auszutauschen und ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren.

Bereits zum achten Mal waren zahlreiche DoktorandInnen aus ganz Europa dazu eingeladen, sich im Rahmen der internationalen Doktorandentagung der AUB über ihre wissenschaftliche Arbeit auszutauschen und ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren.

Mit dem Thema der diesjährigen Tagung „Methoden – Zugänge – Präsentationen“ wurden den aus unterschiedlichen Fachbereichen der Geschichtswissenschaft stammenden ReferentInnen dabei die Möglichkeit gegeben, im Plenum über die von ihnen in ihren Forschungsprojekten angewandten Methoden und Theorien zu sprechen.

Die Konferenz wurde durch Prof. Dr. Dietmar Meyer, den Rektor der AUB, eröffnet, wobei er in seiner Begrüßungsrede die Bedeutung von Austausch und Dialog für die akademische Karriere betonte. Auch der Leiter des Lehrstuhls für Mitteleuropäische Geschichte an der AUB, Dr. habil. Georg Kastner, hob in seiner Ansprache den Erfolg des Tagungsformates für die Netzwerkbildung unter NachwuchswissenschaftlerInnen hervor.

Den Keynote-Vortrag der Tagung hielt Dr. Heidemarie Uhl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Darin stellte sie die wissenschaftliche Arbeit von HistorikerInnen nach den Turns und Paradigmenwechseln der 1990er Jahre in den Mittelpunkt. Geprägt sei diese zum einen durch den Abschied von absoluter Wahrheit und Wirklichkeit in der Forschung, sowie durch ein neues Selbstverständnis von Geschichte. Die Historiker sind heute mehr denn je teilnehmende Beobachter, die aus dem eigenen Erfahrungsraum heraus die Geschichte schreiben. Inter- und transdisziplinäre Zugänge eröffnen dabei neue und individuelle Möglichkeiten der geschichtswissenschaftlichen Fragestellung.

Der Keynote-Speakerin schlossen sich die in fünf Leitthemen gegliederten Panel an. Das erste war den Grundlagen der Quellenarbeit gewidmet und wurde von Dr. Ursula Mindler-Steiner (AUB/ Universität Graz) moderiert.
Die medientheoretische Untersuchung der Lücke in byzantinischen Freskomalereien stand im Zentrum des Vortrags der ersten Referentin Elena Rădoi (Bauhaus-Universität Weimar). Im ersten Teil der Präsentation behandelte sie die sensorische Erfassung von Fehlstellen (absichtliche Zerstörung, mechanische Beschädigung, etc.). In der zweiten Hälfte stellte Rădoi eine DIY-Methode vor, die u. a. auch ein performatives Zerstören von Fresken beinhaltet.
Im Rahmen seiner Arbeit zu den in Ungarn vor dem ersten Weltkrieg vorhandenen föderalen Mitteleuropakonzeptionen präsentierte András Wekler (AUB) eine digitale Recherchemethode zur Verknüpfung von bis dahin unverschränkten Quellen mit dem Ziel, neue politische Akteure in den umfangreichen Protokollen des ungarischen Parlaments ausfindig zu machen. Diese sollen dabei helfen zu bestimmen, wie verbreitet transnationale Staatskonzepte im politischen Diskurs waren und wie mit diesen im Parlament umgegangen wurde.

Im Vortrag von Janin Klein (Friedrich-Schiller-Universität Jena) ging es um die Methode der Oral History. Klein sprach über die Vor- und Nachteile der Befragung von Zeitzeugen und stellte darüber hinaus Methoden zur Interviewanalyse vor.
Die Operette der Zwischenkriegszeit und die Erstellung eines Operettenkatalogs standen im Mittelpunkt der Präsentation von Fanny Orbán (AUB). Ihre bisherige Recherche zur Frage, ob die Operette den einstigen Kulturraum der Donaumonarchie auch nach deren Zerfall aufrechterhalten konnte, ergab, dass von den 217 identifizierten Operetten 189 in deutscher und elf in ungarischer Sprache uraufgeführt wurden.
Der letzte Vortrag des Panels war dem Lesen und Verstehen von Karten gewidmet. Arlene Peukert (AUB) stellte den zum Kanon der Kartographieforschung zählenden Aufsatz „Maps, Knowledge and Power“ von John Brian Harley vor.

Soziales und Wirtschaftssysteme waren die Leitthemen im zweiten, von Dr. Markus Roschitz (AUB/ Universität Graz) geleiteten Panel. Tomaž Mesarič (AUB) sprach in seinem Vortrag „Know your Numbers. Versuch einer historischen Bilanzforschung der Aktiengesellschaften (Ost-)Mitteleuropas in der Zwischenkriegszeit“ über seine Forschung zu den Finanzmärkten der Nachfolgestaaten der Donaumonarchie. In seinen Erhebungen analysiert Mesarič finanzielle Jahrbücher mit der deskriptiven Statistik als Methode unter Beiziehung wirtschaftswissenschaftlicher Theoreme, um u. a. mehr über die Konvergenz der Märkte herauszufinden.
Im zweiten Vortrag des Panels ging Christopher Banditt (Universität Potsdam) u. a. den Fragen nach, ob es in der DDR materielle Ungleichheiten gab und ob die Jahre 1989/1990 als Zäsur oder Kontinuität in den sozioökonomischen Lagen Ostdeutschlands gewertet werden können. Dazu untersucht Banditt statistische Erhebungen aus Haushaltsbefragungen in den zehn Jahren vor und nach der Wende.
Auch der Vortrag von Martina Mirković (AUB), der sich mit (un-)gleichen Formen und Möglichkeiten des Konsumierens im sozialistischen Jugoslawien auseinandersetzte, basierte auf statistischen Erhebungen aus den staatlichen Jahrbüchern, um Aussagen über die Einkommensunterschiede und damit auch das Konsumverhalten in den einzelnen Teilrepubliken treffen zu können. Unter anderem konnte durch die Vergleiche und das Verbinden statistischer Daten herausgearbeitet werden, dass es innerhalb Jugoslawiens Einkommens- und Konsumgefälle zwischen Stadt und Land, Arbeiter und Angestellten und Küste und Binnenland gab, die zwischen den 1950ern und 1980ern zunahmen.

Im dritten Panel der Konferenz präsentierten ReferentInnen ihre Forschung zum Themenkomplex Schicksalsgemeinschaften und Lebensgeschichten. Geleitet wurde die Diskussion von Dr. Andra-Octavia Cioltan-Drăghiciu (AUB/ Universität Graz).
Žan Logar (Universität Ljubljana) sprach in seinem Vortrag über die Erfahrungen des Österreichischen Freiwilligenkorps, das zwischen 1864 und 1867 unter Maximilian, dem jüngeren Bruder Kaiser Franz Josefs, in Mexiko stationiert war. Unter Anwendung statistischer Methoden untersucht Logar in seinem Dissertationsprojekt die sozialen Profile der Soldaten, um mehr über die ethnische und linguistische Zusammensetzung des Korps zu erfahren.
Viktória Muka (AUB) referierte danach über die Heimatliteratur als Quelle zur Erforschung der Fronleichnamstraditionen in Budaörs (Wudersch). Im Rahmen ihrer Arbeit untersucht Muka gruppeneigene Traditionen wie Feiern und Feste, um mehr über deren identitätsstiftende Rolle für die (heimatvertriebenen) Budaörser zu erfahren.
Katalin Földvári (Griechisch-Katholisch Theologische Hochschule Heiliger Athanasius, Nyíregyháza) präsentierte eine volkskundliche Annährung an die Geschichte des Ordens des Heiligen Basilius in Máriapócs. Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf die Auflösung der Klöster im Jahr 1950 und versuchte anhand von persönlichen Erinnerungen und Quellenrecherche den Fragen nachzugehen, wie die Auflösung des Ordenshauses ablief und was mit den Brüdern und Schwestern von Máriapócs nach 1950 konkret passierte.

Im Anschluss an das letzte Panel des Tages wurde im Festetics-Saal die Fotoausstellung „Ethnology in the Making. Mündlich überlieferte Geschichte und Erinnerungskultur in Siebenbürgen“ eröffnet. Die Ausstellung, die die Forschungsarbeit des Historikers und Ethnologen Răzvan Roșu (AUB) dokumentiert, wurde unter der wissenschaftlichen Leitung von Cioltan-Drăghiciu umgesetzt. Die Bilder der Fotografin Anca Cioltan thematisieren Natur, Glaube und Tradition im Karpatenbogen zwischen Rumänien und der Ukraine. Untermalt wurde die Ausstellung mit traditioneller Musik aus dem Motzenland.

Der zweite Tag der Konferenz begann mit einem Panel zum Thema Politik und Entscheidungsträger, das von Dr. habil. Georg Kastner (AUB) geleitet wurde.
Patrick Reitinger (Bamberger Graduiertenschule für Historische Forschung) stellte seine Forschung zur tschechoslowakischen Raumpolitik in Anlehnung an Pierre Bourdieu vor, wobei er die biografische und lebensweltliche Sozialisation der Akteure der Raumpolitik im Grenzgebiet zwischen Ostbayern und Westböhmen in den 1920er Jahren in den Fokus seiner Ausführung rückte.
Kira Edelmayer (AUB) stellte in ihrem Vortrag ihr Dissertationsprojekt zur Diplomatie im Schatten der Kur vor. Die Arbeit mit und Analyse von Kurlisten hat für ihre Forschung zentrale Bedeutung, weshalb die Referentin darlegte, wie sich Kurlisten lesen und interpretieren lassen.
Die Kultur des Entscheidens unter Kaiser Franz Josef war Thema der Präsentation von Marion Dotter (Universität Wien). Sie untersucht Formalia der Adelsgesuche im Laufe der siebzigjährigen Regierungszeit des Kaisers und schlüsselt diese nach bestimmten Entscheidungsgründen auf. Eine Untersuchung der Rezeption der Entscheidungsgründe in der Öffentlichkeit rundet das gezeichnete Bild vom Adel auf dem Schreibtisch des Kaisers ab.
Benjamin Werners (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden) Dissertationsprojekt ist im sich gegenwärtig im Aufschwung befindenden Themenfeld der Behördenforschung angesiedelt. Er beschäftigt sich mit der Dresdner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus und untersucht Organisationsstrukturen der Behörde, um mehr über Motive und Handlungsspielräume der Verwaltungsorgane herauszufinden. Niklas Luhmanns Systemtheorie kommt dabei zur Anwendung.

Das fünfte Panel der Konferenz stand im Zeichen von Konzeptionen und Konstruktionen und wurde von Beáta Márkus (Universität Pécs) moderiert.
Vita Zalar (Slowenische Akademie der Wissenschaften und Künste, Ljubljana) sprach über die semantische Entwicklung des Begriffs Zigeuner von einer sozialen zu einer ethnischen Kategorie. Zalar verwendet die Begriffsgeschichte als eine Forschungsmethode, um diesen Prozess besser erklären zu können. Die bisherige Forschung hat gezeigt, dass der Begriff „Zigeuner“ in der Habsburgermonarchie am Ende des 19. Jahrhunderts noch vorwiegend als eine soziale Kategorie benutzt wurde; dies änderte sich in den 1940er Jahren.
Der letzte Vortrag der Tagung hatte den Einfluss der Archäologie auf das ungarische Selbstverständnis in der Zeit zwischen 1956 bis 1989 zum Thema. Carmen Naumann (Ruhr-Universität Bochum) untersucht im Rahmen ihrer Dissertation die Instrumentalisierung der Archäologie im Spiegel von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Zur Anwendung kommen Theorien zum kollektiven Gedächtnis und zur Erinnerungskultur nach Jan Assmann und Andreas Langenohl.

Ein offenes Diskussionspanel am Mittwochnachmittag lud alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch einmal zu einem Austausch über ihre Forschungsarbeiten ein und gab damit der Konferenz einen gelungenen Abschluss.

Tomaž MESARIČ, Răzvan ROŞU, András WEKLER, Arlene PEUKERT

2020-9 Oktober 2020 2020-11
 
 
 
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