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4. Internationale DoktorandInnen-Tagung
Fakultät für Mitteleuropäische Studien, Doktorschule

Die 4. Internationale DoktorandInnen-Tagung des Doktoratskollegs der Fakultät für Mitteleuropäische Studien an der Andrássy Universität Budapest befasste sich in diesem Jahr mit dem Thema "Identität im Wandel – Mitteleuropäische Geschichte(n) im 20. Jahrhundert". An der Konferenz, die am 3. und 4. Dezember ausgetragen wurde, nahmen 16 NachwuchswissenschaftlerInnen teil.

Mediale Umdeutungen

Die erste Sektion der Tagung untersuchte die Frage, wie Identitäten medial beeinflusst wurden. Noémi Gyantár (AUB) sprach über die ungarisch-sprachige Pionierzeitung Die Worte der Jugend in der jugoslawischen Vojvodina, welche von 1947 an herausgegeben wurde. Dies war die einzige ungarisch-sprachige Jugendzeitschrift (Zielgruppe 9 - 15-Jährige) die in Jugoslawien publiziert wurde und besaß dadurch eine bestimmende Stellung im Bereich der politischen und gesellschaftlichen Erziehung in der Region.

Judit Klein (AUB) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit der Art und Weise der Einflussnahme der Politik auf Minderheitenmedien in Ungarn der Nachkriegszeit. Die Minderheitenmedien sollten die in Ungarn lebenden Nationalitäten in ihrer Muttersprache im Sinne der Partei informieren. Zugleich wurden sie als Propagandainstrumente aufgefasst. Daraus folgte ein eingeschränkter Bewegungsraum der Redaktionen, welcher zum größten Teil die Themenwahl und die Qualität dieser Medienprodukte beeinflusste.

Kende Varga (ELTE) referierte über die Entwicklungen in der rumänisch-deutschen Literatur im sozialistischen Rumänien. Hierbei fokussierte er die Epoche der Nachkriegszeit und stellte einige Arbeiten der "Aktionsgruppe Banat" im Kontext der Situation der Minderheitenmedien vor. Mittels Auftragswerken sollten vor allem sozialistische Ideen verbreitet werden. Häufig mangelte es aber gerade diesen Werken an Qualität, da die AutorInnen diese Aufträge annahmen, um weiterhin publizieren zu können. Einige der Richtlinien und Vorgaben der Partei wurden an konkreten Gedichten besprochen.

Stadt und Identität

Nadja Weck (Universität Wien) beschrieb in ihrem Beitrag die Entwicklung und Bedeutung des forcierten Netzausbaus der staatlichen Eisenbahn in der Habsburgermonarchie und speziell für das östliche Kronland Galizien. Der galizische Landtag (Sejm) befasste sich 1839 erstmals mit diesem Anliegen. Aufgrund der Lage der Stadt Lemberg, zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, sollten die Pläne schnell umgesetzt werden, um Handel und Kommunikation im Reich zu fördern. Dennoch kam es zu Verzögerungen und die Realisierung schritt nur langsam voran.

Katharina Haberkorn (AUB) sprach über das Totengedenken in der Bukowina nach dem Ersten Weltkrieg. Anhand des Fallbeispiels Czernowitz zeigte sie, wie dieses Gedenken im öffentlichen Raum materialisiert wurde und welche kommunikativ-symbolischen Bezüge bedeutsam waren. Erschwert wurde dieser Prozess durch die veränderte staatliche Position des ehemaligen Kronlandes in Rumänien, welches seinerseits eine gegenläufige Gedenktradition in der Region umsetzte.

Johannes Florian Kontny (Universität Wien) zeigte am Beispiel der mährischen Stadt Znojmo, wie im jungen tschechoslowakischen Staat nach 1918 öffentliche Inszenierungen von den verschiedenen Bevölkerungsgruppen wahrgenommen wurden. Der Staatsfeiertag am 28. Oktober und die Besuche der Staatspräsidenten T. G. Masaryk und Edvard Beneš in den Jahren 1924, 1929 und 1936 stellten zentrale Bezugspunkte dar, um die Zugehörigkeit zum neuen Nationalstaat in der städtischen Öffentlichkeit zu demonstrieren.

Holger Wochele (Universität Wien) stellte den Wandel der Straßennamen in der Stadt Sibiu/ Hermannstadt im Laufe des 20. Jahrhunderts vor. Umbenennungen in diesem Bereich haben als identitätspolitische Maßnahmen Einfluss auf das kollektive Gedächtnis und gelten zugleich als Indikatoren politischer Veränderungen.

Weibliche Identität und Lebensperspektiven

Erzsébet Dévényi (ELTE) nahm sich in ihrem Beitrag den Roman Eine altmodische Geschichte der bekannten ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó vor und zeigte, "wie der weibliche Blick" der Romanfiguren die ungarische Geschichte in einen neuen Kontext versetzte. Der Roman integriert die großen Ereignisse der Weltgeschichte ins private Leben der Figuren und gibt ein Gesellschaftspanorama einer Epoche. Dabei wird mehr das soziale Milieu als der historische Kontext gezeigt und der Zerfall des ungarischen Bürgertums nachgezeichnet.

Dóra Czeferner (Universität Pécs) sprach im Anschluss über die ungarischen, österreichischen und deutschen Frauenorganisationen in der ausgehenden Monarchie. Ein zeitlicher Schwerpunkt ihrer Untersuchung lag auf den Jahren bis Ende des 1. Weltkriegs. Die engen Verbindungen zwischen den Bewegungen führten dazu, dass die Programme der ungarischen viele Ähnlichkeiten mit den deutschen und österreichischen Modellen hatten. Trotzdem blieb die Budapester Organisation im Vergleich im Rückstand und wurde nicht zu einer Massenbewegung. Das gemeinsame Identitätsbewusstsein der Frauenbewegungen blieb während des Ersten Weltkrieges bestehen.

Räume, Grenzen, Identität

Daniela Javorics (AUB) beschrieb in ihrem Beitrag die Umdeutung(en) des mitteleuropäischen Raumes am Beispiel der Zeitschrift "New Europe". Diese Zeitschrift wurde seit 1916 in London herausgegeben und war zu einem großen Teil von dem britischen Historiker Robert Seton-Watson und dem im Londoner Exil lebenden tschechischen Politiker Tomas Masaryk finanziert. In der Zeitschrift wurden verschiedenste Konzepte und Möglichkeiten für eine Ausgestaltung des mitteleuropäischen Raumes nach dem Krieg diskutiert und verhandelt.

Nina Jebsen (Universität Sønderborg), sprach im Anschluss zum Thema "raumbezogene nationale Identitäten in Europa". In ihrem Beitrag zeigte sie, welche Rolle visuelle Propaganda – insbesondere in Form von Abstimmungsplakate und Postkarten – bei den durch die Pariser Vorortverträge veranlassten Volksabstimmungen nach Ende des Ersten Weltkrieges spielten. In dem propagandistischen Material wurden von den verschiedenen Seiten unterschiedlichste Stereotypisierungen verwendet. Das Bild der "bedrohten Heimat" war ein wesentliches Element dieser Propaganda.

Jasper Trautsch (DHI Paris) zeigte in seinem Beitrag, wie sich die Bunderepublik Deutschland auf den kognitiven Landkarten nach 1945 räumlich gesehen neu zu positionieren begann. Davon ausgehend, dass Räume und Grenzen vor allem sozial konstruiert werden, zeigte Trautsch auf der Grundlage von Zeitungen, Magazinen und Karten, dass die Bundesrepublik vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zunehmend im "Westen" und nicht weiter in der "Mitte" Europas verortet wurde.

(Deutsche) Identität in Ungarn

Sebastian Sparwasser (AUB) sprach über die Identitätspolitik des ungarndeutschen Politikers Jakob Bleyer. Besondere Berücksichtigung fand dabei die durch Bleyer in zahlreichen Publikationen und Vorträgen diskutierten Auffassungen zu Identität und Selbstverständnis der Deutschen in Ungarn, sowie die in den Jahren der ausgehenden Monarchie und der Zwischenkriegszeit mit integrativen Identitätskonzepten zunehmend konkurrierenden Vorstellungen von Nation, Volk und Nationalität.

Beáta Márkus (AUB) referierte im Anschluss über die Deportation der Ungarndeutschen aus der "Schwäbischen Türkei" im Rahmen des "Malenki Robot". In den letzten Kriegsmonaten wurden einige Zehntausend Ungarndeutschen in Sowjetunion deportiert. Das Thema wurde bislang kaum aufgearbeitet. Márkus näherte sich dem Thema auf der Grundlage von Ego-Dokumenten.

Anett Hajnal (AUB) untersuchte in ihrem Beitrag "Weingarten, Gastwirtschaft, Kleinladen" wie die Assimilationsbestrebungen des ungarischen Nationalstaats die Räume und Identitäten einer Familie aus Buda zwischen 1900 und 1945 veränderten. Durch veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben sich auch zunehmend die persönlichen Bezüge verändert, welches deutlichen Niederschlag in der Veränderung der Familiennamen fand.

Der Vortrag von Péter Vágó (AUB) beleuchtete einige Aspekte des "Misstrauens" in den außenpolitischen Beziehungen Ungarns zu den Nachbarstaaten. Ein vergleichbares Dokument wie der deutsch-französische Elysée-Vertrag erscheint in dieser Region undenkbar und häufig werden historisch-negative Einstellungen instrumentalisiert anstatt ihnen durch Zusammenarbeit die Grundlage zu entziehen.

Jeder Sektion saß ein Kommentator/ eine Kommentatorin bei, die den Vortragenden Anregungen und Rückmeldungen zu inhaltlichen Aspekten des Vortrags gaben. Für die intensive Vorbereitung und die unterstützende Zusammenarbeit geht an dieser Stelle ein herzlicher Dank an Dr. Orsolya Lénárt, Dr. Richard Lein, Dr. Ursula Mindler, Prof. Dr. Binder und Prof. Dr. Seewann sowie  an den Dekan der Fakultät, Prof. Kastner für seinen Einleitungsvortrag.

2020-3 April 2020 2020-5
 
 
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